Karrer T.
Zu dünn? Zu dick? Der BMI und andere anthropometrische Indizes
GastroMAG 3 · 2025, S. 36-38
medMAG 5 · 2025, S. 49-51 (franz. Übersetzung)
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Es war nicht im Sinne der Erfinder, mit dem Body-Mass-Index Übergewicht und Adipositas zu diagnostizieren. Dennoch versucht man seit 200 Jahren, das gesunde Norm-Körpergewicht zu errechnen – und Abweichungen davon als ungesund zu definieren.
Body-Mass-Index | BMI | Adipositas | Adolphe Quetelet | Medizingeschichte
Zusammenfassung: Die Geschichte des Body-Mass-Index (BMI) und der Suche nach dem "Normkörper"
Der Artikel zeichnet die Geschichte des Body-Mass-Index (BMI) und anderer anthropometrischer Messmethoden nach und zeigt, dass der BMI ursprünglich nicht zur Diagnose von Übergewicht oder Adipositas entwickelt wurde. Dennoch gilt er seit rund 50 Jahren als internationale Referenzgrösse zur Einschätzung von Körpergewicht im Verhältnis zur Körpergrösse — obwohl seine Aussagekraft zunehmend hinterfragt wird.
Erst im 19. Jahrhundert begannen Ärzt:innen und Institutionen wie Krankenhäuser und Lebensversicherungen, systematisch Körperdaten zu erfassen. Der belgische Mathematiker Adolphe Quetelet entwickelte um 1830 den sogenannten „Quetelet-Index“, aus dem später der BMI entstand. Sein Ziel war jedoch nicht, Gesundheit zu messen, sondern einen statistischen „Durchschnittsmenschen“ zu definieren.
Im Verlauf des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wurden verschiedene alternative Indizes entworfen, darunter der Broca-Index und der Ponderal-Index, doch keiner setzte sich dauerhaft durch. Erst durch epidemiologische Studien des 20. Jahrhunderts – etwa die Framingham-Studie und Arbeiten von Ancel Keys, der den BMI 1972 neu popularisierte – gewann die Formel an Bedeutung.
Heute gilt der BMI zunehmend als unzureichend, um individuelle Gesundheitsrisiken abzubilden. Moderne Medizin und Forschung empfehlen ergänzende Messgrössen wie Taillenumfang, Körperfettanteil und metabolische Parameter. Eine Forschungsgruppe forderte 2025 im Lancet, den BMI künftig nur noch als unterstützendes, nicht als zentrales Diagnoseinstrument zu verwenden.
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FAQ: Der Body-Mass-Index (BMI) und die Suche nach dem «Normkörper»
1. Wer entwickelte das Konzept, das zum heutigen Body-Mass-Index (BMI) führte?
Der belgische Mathematiker und Astronom Adolphe Quetelet war fasziniert von Messdaten und den Möglichkeiten der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Um 1830 analysierte er Daten von Tausenden von Soldaten und formulierte 1833 das Konzept des «homme moyen» (des «mittleren Menschen»). Dabei erkannte er, dass sich das durchschnittliche Gewicht proportional zum Quadrat der Körpergrösse verhielt, was dem heutigen BMI («Gewicht/Körpergrösse²») entspricht.
2. Wofür war der BMI ursprünglich vorgesehen?
Es war nicht die ursprüngliche Absicht der Erfinder, den Body-Mass-Index zur Diagnose von Übergewicht und Adipositas zu nutzen . Der amerikanische Physiologe Ancel Keys, der den Quetelet-Index in den 1970er Jahren wiederentdeckte und propagierte, betonte bereits damals, dass der BMI vor allem für epidemiologische Studien tauge, jedoch nicht für die individuelle Diagnose von Übergewicht.
3. Welche anderen historischen Formeln gab es, um das Normalgewicht zu definieren?
Neben Quetelets Konzept tüftelten Mediziner:innen selbst an Definitionen für den menschlichen Normkörper. Dazu gehören:
• Der Broca-Index (definiert 1871 vom französischen Chirurgen Paul Broca), der das Normalgewicht als Körpergrösse in Zentimetern minus 100 definierte.
• Der Ponderal-Index (PI) (formuliert 1908 vom Schweizer Physiologen Fritz Rohrer), der sich aus dem Gewicht geteilt durch die Körpergrösse hoch drei («Gewicht/Körpergrösse³») berechnet
4. Was war der Auslöser dafür, dass Institutionen begannen, metrische Körperdaten zu sammeln?
Bis etwa 1850 basierten Diagnose und Therapie meist darauf, was Patient:innen subjektiv empfanden und berichteten; Ärzte interpretierten Zeichen wie Körpersäfte qualitativ, und es fehlten Messinstrumente und Referenzwerte. Dies änderte sich ab 1800 mit der Entstehung von Krankenhäusern als Wirkstätten für Ärzte. Gleichzeitig begannen Lebensversicherungen damit, ihre Klientel nach militärischem Vorbild zu mustern, wobei sie Daten wie Grösse, Gewicht und Brustumfang erhoben.
5. Welche Kritik wird heute am BMI geübt?
Rund 200 Jahre nach seiner Erfindung hat der BMI in der modernen Medizin an Bedeutung verloren. Im März 2025 forderte eine Forschungsgruppe im «Lancet», künftig auf den BMI als alleinige Grösse zur Ermittlung von Adipositas zu verzichten. Der Hauptgrund ist, dass dieses Mass als zu ungenau angesehen wird, wodurch Adipositas sowohl unter- als auch überschätzt werden kann. Es wird empfohlen, den BMI nur noch als ergänzendes Mass zu anderen anthropometrischen Kriterien wie dem Taillenumfang oder dem Taille-zu-Höhe-Verhältnis einzusetzen. Die moderne Präzisionsmedizin passe nicht mehr in solch simple Formeln.
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