Karrer T.
Schockierend wirkungslos. Insulinschocktherapie in der Psychiatrie
BrainMag 5 · 2025, S. 30-31
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Insulin stand einst für medizinische Wunder. Doch was Diabetesbetroffenen das Leben rettete, führte in der Psychiatrie in eine Sackgasse. Ein Rückblick auf die Insulinschocktherapie zeigt, wie nahe Hoffnung und Irrtum in der Medizin beieinanderliegen.
[Schreibfehler im Artikel sind durch das Korrektorat verursacht]
Insulinschocktherapie | Psychiatrie | Hypoglykämie | Medizingeschichte
Zusammenfassung
Dieser Artikel beleuchtet die Geschichte und das schockierende Ende der Insulinschocktherapie in der Psychiatrie. Er beginnt mit der zufälligen Entdeckung der Methode durch Manfred Sakel in den 1930er Jahren, als ein Patient nach einer Insulin-Überdosis mit verbesserter geistiger Klarheit erwachte. Die Behandlung, die versuchte, Psychosen durch ein hypoglykämisches Koma zu heilen, stiess zunächst auf Interesse, wurde jedoch von Anfang an kritisiert und ihre Wirksamkeit angezweifelt. Der Text diskutiert auch alternative Ansprüche auf die Entdeckung, insbesondere von Julius Schuster im Jahr 1937, und erwähnt berühmte Patienten wie den Tänzer Vaslav Nijinsky. Letztendlich zeigten kontrollierte Studien und die Einführung von Neuroleptika in den 1950er Jahren, dass die Insulinschocktherapie unwirksam und oft tödlich war, obwohl sie die Wahrnehmung veränderte, dass Psychosen überhaupt behandelbar seien.
FAQ - Was erfährst du in diesem Artikel?
1. Was war die Insulinschocktherapie?
Die Insulinschocktherapie war eine Behandlungsmethode, die in der Psychiatrie eingesetzt wurde und bei der hohe Dosen des Hormons Insulin verabreicht wurden, um hypoglykämische Schocks auszulösen. Diese Behandlung wurde zu den sogenannten «heroischen Therapien» gezählt, bei denen man Heilung durch körperliche Extremzustände wie Schock, Krampf oder Fieber suchte.
2. Wer hat die Insulinschocktherapie entwickelt?
Der junge Arzt Manfred Sakel gilt als Begründer der Methode, die er schliesslich auf Schizophreniepatient:innen übertrug. Sakel verschaffte sich 1935 Gehör mit einem Buch mit dem Titel «Neue Behandlungsmethode der Schizophrenie». Allerdings beanspruchte der Budapester Arzt Julius Schuster die Entdeckung der Therapie für sich. Schuster lieferte Beweise durch einen Artikel aus dem Jahr 1928, der bereits Schockversuche mit hohen Insulindosen dokumentierte. Zudem hatten in der Schweiz Hans Steck in Lausanne und John Staehelin in Basel bereits vor Sakel mit hypoglykämischen Zuständen bei psychotischen Patient:innen experimentiert.
3. Wie ist Manfred Sakel auf die Insulinschocktherapie gekommen?
Die Methode entstand laut den Quellen aus zwei Fehlern. Sakel behandelte ursprünglich Morphinabhängige mit Insulin, wobei ihm ein Missgeschick unterlief, als er einer morphinabhängigen Frau mit Diabetes versehentlich zu viel Insulin verabreichte. Ein weiterer Unfall geschah in Wien, als er einen morphinabhängigen Patienten mit einer Überdosis Insulin versehentlich in ein hypoglykämisches Koma stürzte. Sakel behauptete, der Patient sei mit verbesserter geistiger Klarheit wieder aufgewacht, und erhob diesen Zufall zur Methode für Schizophreniepatient:innen.
4. Welche Wirkung wurde dem Insulinschock zugeschrieben?
Manfred Sakel sah die Wirkung im Insulinkoma selbst: Es sollte den parasympathischen Tonus steigern, die neuronale Aktivität blockieren, anabole Kräfte anregen und die Zellfunktion normalisieren. Kurz gesagt: Der Schock sollte das Gehirn heilsam neu ordnen. Julius Schuster hingegen erklärte, dass Milch- und Insulininjektionen den Wasser- und Fettstoffwechsel regulieren und so das Nervensystem sowie das Gehirn stabilisieren würden.
5. War die Insulinschocktherapie erfolgreich?
Zu Beginn schien die Therapie ein Durchbruch zu sein und weckte Hoffnungen auf medizinische Fortschritte bei Psychosen. In der Heil- und Pflegeanstalt Münsingen bei Bern wurde die Methode auf Interesse aufgenommen, und Professor Max Müller bestätigte bald, dass Patient:innen sich in der Hypoglykämie tatsächlich besser zu fühlen schienen
Allerdings stand die Therapie von Anfang an in der Kritik. Schon 1933 urteilte ein Wiener Kollege Sakels, die Wirkung beruhe allein auf Suggestion, nicht auf dem Schock selbst. Später nährten kontrollierte klinische Studien in den 1940er-Jahren Zweifel am Nutzen der extremen Eingriffe. Im Jahr 1957 lautete das Fazit des Briten Brian Ackner: «The evidence for the value of insulin remains far from convincing». Die Quellen bezeichnen die Therapie retrospektiv als Sackgasse.
6. Welche Risiken und Nebenwirkungen gab es?
Die Behandlung war äusserst riskant. Bis zu fünf Prozent der Patient:innen starben. Die Todesursachen waren unter anderem das Nicht-Erwachen aus dem Koma, Kreislaufversagen oder Atemstillstand. Die chronische Unterzuckerung und die Krämpfe konnten auch zu Epilepsie, Lähmungen, psychischen Traumata oder Hirnschädigungen führen.
7. Warum wurd die Insulinschocktherapie eingestellt?
Die Stimmung kippte in den 1950er-Jahren, als die wissenschaftliche Kritik an der riskanten Therapie unüberhörbar wurde. Schliesslich wurde die Insulinschocktherapie durch das 1952 in die Psychiatrie eingeführte Neuroleptikum Chlorpromazin verdrängt. Mit diesem Antipsychotikum gab es erstmals eine (tatsächlich) wirksame Behandlung von Psychosen.
8. Hatte die Insulinschocktherapie trotz ihres Scheiterns einen positiven Einfluss auf die Psychiatrie?
Obwohl die Therapie aus dem klinischen Alltag verschwand, blieb sie nicht ganz ohne Wirkung. Der Pionier der Elektrokonvulsionstherapie, Lothar Kalinowsky, soll gesagt haben: «It was the insulin treatment that made psychiatrists therapeutic-minded.». Die Schocktherapie trug dazu bei, Psychosen überhaupt als behandelbar zu betrachten und Patient:innen nicht länger nur «dahinvegetieren» zu lassen.
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